Digitalisierung und Technostress

Digitalisierung ist eines jener Schlagwörter, das weiterhin in aller Munde ist. Beflügelt durch technische Neuerungen und gesellschaftliche Veränderungen in den vergangenen Jahren, nimmt sie im heutigen Arbeitsalltag eine immer wichtigere Rolle ein. Künstliche Intelligenz und die Corona-Pandemie haben als zusätzliche Treiber die Digitalisierung noch schneller vorangetrieben. Neben einer Vielzahl an positiven Aspekten hat diese rasante Entwicklung jedoch auch zahlreiche Herausforderungen mit sich gebracht. Der folgende Artikel steht daher ganz im Zeichen von „Technostress“ und mentaler Gesundheit.

 

Technostress – wieso und warum?

Doch was ist Technostress eigentlich und wie erlebt man ihn? Grundsätzlich bezeichnet der Begriff jeglichen Stress, der in alltäglichen Situationen im Zusammenhang mit der Nutzung von technischen Geräten oder Systemen aufkommt. Paradoxerweise können somit also neue Technologien, die unseren Alltag vereinfachen sollen, Reaktionen mit gegenteiligen Effekten hervorrufen. Die Ursachen für Technostress liegen in der allgegenwärtigen Nutzung digitaler Technologien sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene (Nisafani et al., 2020).

 

Arten von Technostress

In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung zum Thema Technostress rasant zugenommen. Insofern ist es nicht überraschend, dass viele unterschiedliche Definitionen existieren. Karr-Wisniewski und Lu (2010) unterscheiden hierbei drei verschiedene Kategorien, die allesamt relevant sind in unserer heutigen Arbeitswelt:

  • Überlastung durch Funktionen
  • Überlastung durch Informationen
  • Überlastung durch Kommunikation

Wichtig ist zudem die generelle Unterscheidung in arbeitsbezogenen und nicht arbeitsbezogenen Technostress, da es sich hierbei um unterschiedliche Phänomene handelt. Im kommenden Text beziehen wir uns primär auf arbeitsbezogenen Stress.

 

Überlastung durch Funktionen

Digitale Technologien können aufgrund verschiedenster Gründe für Stress und Überlastung sorgen. Die meisten von uns kennen es: Man verwendet zum ersten Mal ein neues Computerprogramm, beispielsweise ein Marketingtool oder eine Software zur Bearbeitung und Erstellung von Videos. Bereits nach kurzer Zeit ist die anfängliche Euphorie vergangen und Ernüchterung sowie Erschöpfung setzen ein. Neue Programme oder technische Neuerungen bieten viele Optionen, Einstellungen und häufig auch verschiedene Anwendungsmöglichkeiten. Meist gibt es zudem mehrere Wege, um ans Ziel zu kommen, und gleichzeitig zu wenige oder inadäquate Informationen. Diese Summe kann bei Mitarbeiter*innen für enormen Stress und Überforderung sorgen. Die Nutzung vieler Programme setzt im Sinne einer vollständigen Vernetzung zudem häufig die Verwendung weiterer Technologien voraus.

 

Überlastung durch Informationen

Hoch entwickelte Technologien ermöglichen nicht nur die Lösung komplexer Probleme, sondern bringen auch etwas mit sich: Daten, und davon nicht wenige. Das konstante Sammeln von Daten zur Optimierung kann auch zu handfesten Herausforderungen führen. Dies ist vor allem der Fall, wenn die schiere Masse an Informationen uns zu überwältigen droht. Meist würde bereits ein Bruchteil der Informationen für die notwendige Erledigung und Fertigstellung einer Aufgabe benötigt werden. Informationsüberlastung kann also zu einem lähmenden Zustand ühren, wenn unsere Reizaufnahme überlastet wird (Karr-Wisniewski & Lu, 2010; Nisafani et al., 2020).

 

Überlastung durch Kommunikation

Zunehmende Technologisierung am Arbeitsplatz hat außerdem zur Folge, dass wir zumeist mehrere oder komplexere Programme für die Erledigung unserer Tätigkeiten benötigen. Die Summe von Pop-ups, sich automatisch öffnenden Programmen oder konstanten Systemnachrichten sorgen dafür, dass unsere eigentlichen Arbeitsprozesse unterbrochen werden. Die Konzentration wird somit regelmäßig in Mitleidenschaft gezogen.

 

Technostress und seine Folgen

Die negativen Folgen von Technostress sind vielfältig. Studien zeigen, dass es neben Leistungsproblemen durch Technostress auch zu körperlichen und mentalen Folgen kommt (Nisafani et al., 2020; Ragu-Nathan et al., 2008; Tarafdar et al., 2014). Mentale Folgen umfassen neben Burn-Out und Erschöpfungszuständen auch Angst und Depressionen. Nicht nur die Entpersonalisierung spielt hierbei eine Rolle, auch der Druck für Mitarbeitende sich ständig weiterzuentwickeln und an die neue Technik anzupassen stellt eine Herausforderung dar. Das erhöhte Stresslevel verstärkt die mentalen Folgen und auch körperliche Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Beschwerden werden zu langfristigen Gesundheitsrisiken (Dragano & Lunau, 2020). Es ist damit zu rechnen, dass Technostress für Beschäftigte in Organisationen weiter zunehmen wird und eine bedeutsame Herausforderung für die geistige und körperliche Gesundheit am Arbeitsplatz bleibt. Zu bedenken ist, dass die Wahrnehmung von digitalem Stress stark von der Person selbst und den bestehenden Arbeitsbedingungen abhängt. Das Zusammenspiel dieser beiden Faktor ist individuell und kann unter denselben Arbeitsbedingungen bei Mitarbeitenden ganz unterschiedliche körperliche, psychische und verhaltensbezogene Reaktionen hervorrufen.

 

Unterschiedliches Erleben anhand eines Beispiels

Stellen wir uns zur besseren Veranschaulichung zwei Mitarbeitende, Max und Sabine, in einer Abteilung vor, die tagtäglich dieselben Tätigkeiten unter denselben Arbeitsbedingungen erfüllen. Max und Sabine sind beide in der Verrechnung tätig. Auf der Führungsebene wurde beschlossen, dass im Zuge einer technischen Umstellung eine neue Verrechnungssoftware zum Einsatz kommen soll, die mehr Anwendungsmöglichkeiten bietet. Sabine verwendete in ihrer vorherigen Firma bereits häufiger verschiedene Verrechnungssysteme, Max hingegen arbeitet schon seit vielen Jahren nur mit einem System. Als die Systemumstellung stattfindet, erhalten alle betroffenen Mitarbeiter*innen entsprechende Schulungen. Dennoch zeigen sich bereits nach wenigen Wochen deutliche Unterschiede in der Effizienz. Sabine hat nach wenigen Wochen gelernt, mit dem neuen System umzugehen und aktiv begonnen, sich mit den unterschiedlichen Zusatzeinstellungen zu beschäftigen. Max hingegen ist merklich frustriert mit der Änderung. Seine Leistung ist deutlich abgefallen und ihm passieren häufig inhaltliche Fehler, die sich nicht von der Systemumstellung erklären lassen. In einem Gespräch mit Sabine äußert er seine Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation. Er ist sehr besorgt, dass anstatt ihm jemand anderes eingestellt werden könnte und fühlt sich daher sehr unter Druck gesetzt.

 

Situation und Persönlichkeit

Anhand des Beispiels von Max und Sabine lassen sich gut einige der Determinanten von Technostress festmachen und die Wichtigkeit von Persönlichkeitsfaktoren und Überzeugungen hervorheben. Während Sabine sich offen für die Systemumstellung gezeigt hat und sich selbstständig damit auseinandergesetzt hat, hat Max bereits nach kurzer Zeit innerlich aufgegeben und sich zurückgezogen.

Was lässt sich daraus nun folgern? Persönlichkeitseigenschaften wie Offenheit, wahrgenommene Selbstwirksamkeit, Frustrationstoleranz, aber auch Vorerfahrungen und Flexibilität spielen eine große Rolle in unserer Reaktion auf technische Neuerungen. Ob, wie und warum wir Technostress empfinden, ist also einem komplexen Zusammenspiel aus situativen und persönlichen Faktoren geschuldet.

 

Was können Organisationen tun?

Organisationen haben einen großen Einfluss auf das Empfinden von Technostress ihrer Mitarbeitenden. Dementsprechend haben sie auch einen großen Handlungsspielraum. Konkrete organisationale Maßnahmen können grob in drei Kategorien eingeteilt werden: präventive, unterstützende und gesundheitliche (Riedl, 2021).

 

Präventive Maßnahmen

Präventive Maßnahmen umfassen die Themenbereiche Schulung, Entwicklung und Arbeitsgestaltung. Durch entsprechende Rahmenbedingungen wie Regelungen zur Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeiten und Einplanung von Einarbeitungszeiten in neue Systeme, kombiniert mit regelmäßigen Schulungen können Organisationen sicherstellen, dass ausreichend präventive Maßnahmen zur Abwendung von Technostress getroffen werden.

 

Unterstützende Maßnahmen

Unterstützende Maßnahmen beziehen sich primär auf technische Unterstützung und die Organisationskultur. Benutzerfreundliche Systeme, Standardisierung sowie technischer Support bis hin zu Nachschulungen im Bedarfsfall stellen eine Grundsäule in der Unterstützung bei technischen Neuerungen dar. Die Förderung einer fehlertoleranten Organisationskultur und einer offenen Kommunikation ist auch von großer Bedeutung, um den Mitarbeitenden die Ängste im Umgang mit digitalen Technologien zu nehmen.

 

Gesundheitliche Maßnahmen

Workshops zum Umgang mit digitalem Stress sowie Entspannungsmethoden sind eine weitere unterstützende Maßnahme für den erfolgreichen Umgang mit digitalen Neuerungen und Technologien. Durch die Integration von gesundheitlichen Maßnahmen in ein ganzheitliches Konzept zum Thema Digitalisierung können Organisationen somit Akzeptanz für technische Neuerungen erhöhen, und gleichzeitig die negativen Folgen bei Mitarbeitenden verringern.

 

Fazit

Technostress spielt eine wachsende Rolle in unserer digitalisierten Arbeitswelt. Doch was bedeutet das im organisationalen Kontext? Für Organisationen ist es wichtig, dass sie sich auch den negativen Aspekten der Digitalisierung stellen und aktiv BGF-Maßnahmen ergreifen, um ihre Mitarbeiter*innen entsprechend unterstützen zu können. Maßnahmen können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden, diese sind im Idealfall aber immer ganzheitlich und miteinander kombiniert.

 

Referenzen

Dragano, N., & Lunau, T. (2020). Technostress at work and mental health: concepts and research results. Current Opinion in Psychiatry33(4), 407–413. https://doi.org/10.1097/yco.0000000000000613

Karr-Wisniewski, P., & Lu, Y. (2010). When more is too much: Operationalizing technology overload and exploring its impact on knowledge worker productivity. Computers in Human Behavior26(5), 1061–1072. https://doi.org/10.1016/j.chb.2010.03.008

Lanzl, J., Manner-Romberg, T., Nüske, N., & Gimpel, H. (2022). Digitaler Stress in Deutschland: Eine Befragung von Erwerbstätigen zu Belastung und Beanspruchung durch Arbeit mit digitalen Technologien. In Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG eBooks (pp. 265–302). https://doi.org/10.5771/9783748922933-265

Nisafani, A. S., Kiely, G., & Mahony, C. (2020). Workers’ technostress: a review of its causes, strains, inhibitors, and impacts. Journal of Decision System29(sup1), 243–258. https://doi.org/10.1080/12460125.2020.1796286

Ragu-Nathan, T. S., Tarafdar, M., Ragu-Nathan, B. S., & Tu, Q. (2008). The Consequences of technostress for end users in Organizations: Conceptual development and empirical validation. Information Systems Research19(4), 417–433. https://doi.org/10.1287/isre.1070.0165

Riedl, R. (2021). Digitaler Stress: Wie er uns kaputt macht und was wir dagegen tun können. Linde Verlag GmbH.

Tarafdar, M., Pullins, E. B., & Ragu‐Nathan, T. S. (2014). Technostress: negative effect on performance and possible mitigations. Information Systems Journal25(2), 103–132. https://doi.org/10.1111/isj.12042

Autor

Alexander Hajny, BSc, BSc

Junior Consultant

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